Handy am Steuer: Ungeheuer im Straßenverkehr

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Vor allem das Handy scheint Ablenkungsmittel Nummer eins zu sein, denn immer mehr Lkw-Fahrer werden mit dem Mobiltelefon oder mit dem Smartphone hinter dem Steuer erwischt.

Gefährliches Handy

Eine lange Fahrt steht an, die Strecke ist monoton und langweilig. Gut, dass ein neues Handy dabei ist, mit dem sich prima Videos anschauen und WhatsApp-Nachrichten verschicken lassen! Das kann allerdings gefährlich werden: Ein Lkw braucht rund 40 m, wenn er eine Vollbremsung hinlegt und von Tempo 80 auf null abbremsen will. Schaut der Fahrer nun aber für nur zwei Sekunden auf das Display seines Handys oder Smartphones, fährt er innerhalb dieser Zeit schon 44 m, in denen er nicht auf den Straßenverkehr achtet und vielleicht das Ende des Staus übersieht. Zeit zu reagieren bleibt dann kaum noch.

Untersuchungen zufolge ist jeder dritte Lkw-Fahrer bei seiner Fahrt mit anderen Dingen beschäftigt und rund sieben Prozent sind laut DEKRA mit dem Smartphone befasst. Weitere Ablenkungsquellen sind Speisen und Getränke, wobei diese oft eher nebenbei in die Hand genommen werden als das Handy. Wenn dieses piept, will der Fahrer die eingehende Nachricht auch lesen und beantworten! Dass dabei die Aufmerksamkeit nicht mehr auf dem Straßenverkehr liegt, dürfte klar sein.

Oft reicht auch schon der winzige Moment, in dem der Fahrer des Lastkraftwagens den eingehenden Anruf wegdrückt, um auf den Vordermann aufzufahren. Angesichts der Masse, die seitens des Lkw auf ein Hindernis trifft, kann das böse Folgen haben. Immer wieder sind daher tödliche Unfälle oder solche mit schweren Personen- und Sachschäden zu beklagen, weil die Masse Lkw auf ein Auto oder einen noch schwächeren Verkehrsteilnehmer trifft.

Untersuchungen zufolge ist jeder dritte Lkw-Fahrer bei seiner Fahrt mit anderen Dingen beschäftigt und rund sieben Prozent sind laut DEKRA mit dem Smartphone befasst.

Untersuchungen zufolge ist jeder dritte Lkw-Fahrer bei seiner Fahrt mit anderen Dingen beschäftigt und rund sieben Prozent sind laut DEKRA mit dem Smartphone befasst.(#01)

Juristische Streitfälle zur Handynutzung

Wer auf seine Armbanduhr schaut oder das Navi einstellt, ist ebenfalls vom Straßenverkehr abgelenkt. Wirklich strafbar ist aber nur das in die Hand nehmen des Handys. Hier liegt laut Ansicht der Juristen eine Gefährdung des Straßenverkehrs vor, auch wenn objektiv betrachtet auch bei anderen Tätigkeiten die Aufmerksamkeit des Fahrers abgelenkt wird. Einst wurde das Verbot zum Handy am Steuer erlassen, als Mobiltelefone einzig zum Telefonieren taugten. Heute sind es kleine Computer, die alles möglich machen und deren Nutzung zu zahlreichen Streitfällen führt.

Dabei zeigt sich die Rechtsprechung hier leicht kurios:

  • Sie dürfen das Handy im Auto nutzen, wenn Sie dafür eine Freisprecheinrichtung oder die Lautsprecherfunktion des Telefons verwenden.
  • Sie dürfen das Handy aber nicht in die Hand nehmen!
  • Das Halten des Telefons ist eine Ordnungswidrigkeit, auch wenn Sie das Gerät gar nicht benutzen.
  • Die Bedienung des Telefons muss beendet sein, wenn der Motor gestartet wird.
  • Bei laufendem Motor dürfen Sie keine Telefonnummer suchen, selbst wenn Sie immer noch parken.
  • Es ist egal, ob der Motor manuell oder über die Start-Stopp-Automatik ausgeschaltet wurde. Damit dürfen Sie an jeder Ampel, an der das Auto automatisch ausgeht, das Handy in die Hand nehmen.
  • Sie dürfen nicht auf dem Seitenstreifen einer Bundesstraße oder Autobahn anhalten und telefonieren, auch wenn Sie den Motor ausschalten. Die Standstreifen sind nur für Unfälle oder Pannen gedacht.

Video: Handy am Steuer: Die tödliche Gefahr

Um die Sammlung der kuriosen Regelungen noch zu vergrößern, hier einmal zwei Gerichtsurteile:

  • Oberlandesgericht Köln, Az. III-1 RBs 3912
    Den Anruf wegzudrücken oder per Sprache abzuweisen, stellt laut Ansicht des Gerichts eine Nutzung des Telefons dar, auch wenn das Gerät nicht in die Hand genommen wird. Das ist verboten.
  • Oberlandesgericht Köln, Az. III-1, RBs/14
    Das Handy darf an den Beifahrer weitergereicht werden. Der Fahrer darf dafür aber nicht auf das Display schauen! Er darf es auch nicht in der Tasche oder im Auto suchen, herauskramen und dann weiterreichen.
  • Oberlandesgericht Hamm, Az. III-5 RBs, 11/13
    Das Handyverbot schließt sämtliche Bedienfunktionen des Smartphones mit ein. Die Nutzung des integrierten Navigationssystems muss also vor Beginn der Fahrt abgeschlossen sein.

Ebenfalls verboten ist es, eine App mit Blitzerwarnungen auf seinem Smartphone zu installieren. Denn das Gesetz sagt, dass der Fahrer eines Fahrzeugs kein technisches Gerät betreiben darf, das Verkehrsüberwachungsmaßnahmen anzeigen oder stören kann. Dazu zählt auch, dass ein derartiges Gerät nicht betriebsbereit sein darf.

Nun stellt sich aber die Frage, wie es sich verhält, wenn der Bei- oder Mitfahrer eine solche App besitzt und den Fahrer über die Warnungen aufklärt. Das Ergebnis ist am Ende dasselbe: Der Fahrer weiß, an welcher Stelle er vorschriftsmäßig fahren muss. In Österreich und Dänemark, in Italien und in den Niederlanden sind solche Blitzerwarner erlaubt, in der Schweiz wiederum nicht. Dort dürfen Geräte, die derartige Apps ausführen, eingezogen und der Vernichtung zugeführt werden. Außerdem drohen hohe Bußgelder.

Das Handy, welches als mobile Jukebox zum Einsatz kommt, darf ebenfalls nur in den Pausen der Fahrt genutzt werden. Der Motor des Fahrzeugs muss ausgeschaltet sein! Warum das Handy nicht Auto liegen und Musik abspielen darf, wenn es dafür nicht weiter bedient werden muss, erschließt sich allerdings nicht. Dies ist nur ein Punkt, der zu einer geringeren Akzeptanz der geltenden Gesetze führt. Erscheinen diese nicht logisch oder sind wenigstens etwas nachvollziehbar, werden sie auch weniger eingehalten.

Die Zahlen zur Ablenkung am Steuer und daraus resultierenden Unfällen sind zwar von Untersuchungen bei Autofahrern, dennoch sind sie auch für Lkw-Fahrer interessant und zutreffend. (#02)

Die Zahlen zur Ablenkung am Steuer und daraus resultierenden Unfällen sind zwar von Untersuchungen bei Autofahrern, dennoch sind sie auch für Lkw-Fahrer interessant und zutreffend. (#02)

Unfallgefahr deutlich erhöht

Die Zahlen zur Ablenkung am Steuer und daraus resultierenden Unfällen sind zwar von Untersuchungen bei Autofahrern, dennoch sind sie auch für Lkw-Fahrer interessant und zutreffend. So steigt das Unfallrisiko laut Statistik um das Eineinhalbfache, wenn sogenannte Alltagshandlungen im Auto vorgenommen werden. Dazu zählen Essen und Trinken ebenso wie das Rauchen. Wer mit einer Freisprecheinrichtung telefoniert, handelt zwar ganz nach dem Gesetz, allerdings erhöht sich auch seine Unfallgefahr deutlich. Sie steigt um das Zwei- bis Achtfache an.

Da das moderne Smartphone noch ganz anders eingesetzt werden kann, steigt die Gefahr für Unfälle beim Anschauen von Videos, Schreiben und Lesen von Textnachrichten oder beim Programmieren des Navis um das bis zu 20-Fache. Wer auf der sicheren Seite sein will, sollte daher die Hände besser gänzlich vom Handy und dafür am Steuer lassen! Das gilt nicht nur im Sinne der persönlichen Sicherheit, sondern auch bezogen auf die Rechtslage und eine mögliche Ahnung durch die Behörden.

Es ist erwiesen, dass das Handy in der Hand die Unfallgefahr deutlich erhöht. Nun will der Verband „Transport en Logistiek Nederland“ aus den Niederlanden erreichen, dass bestimmte Nutzungen des Smartphones während der Fahrt einfach ausgeschlossen werden können. (#03)

Es ist erwiesen, dass das Handy in der Hand die Unfallgefahr deutlich erhöht. Nun will der Verband „Transport en Logistiek Nederland“ aus den Niederlanden erreichen, dass bestimmte Nutzungen des Smartphones während der Fahrt einfach ausgeschlossen werden können. (#03)

Niederlande als Vorreiter

Es ist erwiesen, dass das Handy in der Hand die Unfallgefahr deutlich erhöht. Nun will der Verband „Transport en Logistiek Nederland“ aus den Niederlanden erreichen, dass bestimmte Nutzungen des Smartphones während der Fahrt einfach ausgeschlossen werden können. Möglich ist das mithilfe einer Software, die beispielsweise das Display des Telefons sperrt, sobald der mitgelieferte Sensor die Bewegung des Fahrzeugs meldet. Das ließe die Textfunktion des Telefons gänzlich uninteressant, da unbrauchbar, werden. Auch in Deutschland sind findige Entwickler dieser Idee auf der Spur und so befasst sich eine Tochtergesellschaft von VW mit dieser Möglichkeit.

Außerdem werden in vielen Ländern deutlich härtere Strafen für die Handynutzung am Steuer gefordert. Die Niederländer wünschen beispielsweise, dass sie ein ähnliches Niveau wie die Briten erreichen. Dort werden bis zu 1000 Euro fällig, wenn der Lkw-Fahrer bei der Tour sein Smartphone einsetzt. Bislang sind es in den Niederlanden 230 Euro, in Deutschland sogar nur 80 Euro. Dazu kommt ein Punkt in Flensburg und die Verwaltungskosten, die für die Bearbeitung dieses Falls angefallen sind, müssen übernommen werden.

Dass sich der niederländische Logistikverband derart engagiert, könnte zum Gradmesser für ganz Europa werden, denn der Verband gilt als die größte Lobbyvertretung in den Niederlanden. Außerdem gibt es in den Niederlanden gemessen an der wirtschaftlichen Größe die meisten Logistikunternehmen und Speditionen, daher gilt das Land auch als Initiator für neue Gesetze und Regelungen innerhalb Europas bzw. innerhalb der EU.

Nun fordert auch Deutschland härtere Strafen für Handys am Steuer. Unter anderem wurde vom Bundesverband Güterverkehr, Logistik und Entsorgung bekannt, dass dieser fahrfremde Tätigkeiten verbieten lassen wolle. Auch hier kommen wieder Apps ins Gespräch, die eine unerlaubte Nutzung des Handys verhindern sollen. In allen Fällen bauen die Verbände und Verantwortlichen also nicht auf die Vernunft der Lkw-Fahrer oder überhaupt der Verkehrsteilnehmer, sondern sehen die einzige Möglichkeit zum Einhalten der Verbote im direkten Zugriff auf die Funktionsfähigkeit der Smartphones.

Video: Höheres BUẞGELD: Härtere STRAFEN fürs HANDY am Steuer und GAFFER | taff | ProSieben

Umfassende Kontrollen der Lkw

Neben der Forderung, dass die Funktionen der Smartphones per App gesteuert werden könnten, setzen der Verkehrsminister auf Aufklärung. Gleichzeitig werden schärfere Kontrollen durch die Polizei gefordert. Sie soll eine Kontrolle durchführen können, die in das Innere einer Lkw-Kabine blicken lässt, was beispielsweise von Brücken aus möglich ist oder von Fahrzeugen, die nebenher fahren. Damit die Vorwürfe wegen der Handynutzung belegbar sind, werden Kameraaufnahmen gefordert, die den Verstoß filmen und die als Beweismittel dienen sollen.

Generell müssen die Kontrollen deutlich verschärft werden, denn immer noch gehen viele Lkw-Fahrer davon aus, dass es sie schon nicht treffen würde. Die meisten werden nur selten oder sogar gar nicht erwischt und so ist es eine Sache der persönlichen Betroffenheit, ob auf die geltenden Gesetze geachtet wird und diese eingehalten werden. Jeder Verkehrsteilnehmer weiß, dass Verstöße hoch sanktioniert werden, doch nur für die wenigsten ist es wirklich von Interesse.

Wirklich nachweisen lässt sich die Aussage, dass das Smartphone für eine Zunahme der Verkehrsunfälle verantwortlich ist, leider nicht. (#04)

Wirklich nachweisen lässt sich die Aussage, dass das Smartphone für eine Zunahme der Verkehrsunfälle verantwortlich ist, leider nicht. (#04)

Fahren als Nebensache

Wirklich nachweisen lässt sich die Aussage, dass das Smartphone für eine Zunahme der Verkehrsunfälle verantwortlich ist, leider nicht. Dieses Problem sehen auch die Unfallforscher verschiedener Einrichtungen und warnen davor, das Handy allein als Schuldigen zu sehen. Es ist nicht die einzige Ablenkungsquelle und wer beispielsweise einen neuen Sender in seinem Radio sucht, hat die Blicke viel zu lange von der Fahrbahn abgewendet. Die Ablenkung kann hier um einiges größer sein als durch einen kurzen Blick auf das Smartphone. Problematisch ist außerdem, dass die Rechtsprechung wie oben dargestellt leicht kurios erscheint. Denn wenn die Regelungen nicht einleuchtend sind, werden sie weitaus schlechter angenommen und befolgt.

Leider wird für viele Fahrer die Teilnahme am Straßenverkehr immer mehr zur Nebensache und das gilt nicht nur für die Fahrer der Lastkraftwagen, sondern in gleichem Maße auch für Autofahrer. Momentan sind wieder allerorts Aufklärungsplakate an den Autobahnen zu sehen. Doch auch diese können für Unfälle sorgen: Wer durch das Bild eines weinenden Kindes auf die Schrift aufmerksam wird und diese liest, hat seine Augen ebenfalls nicht auf der Straße.

Der winzige Moment kann bereits für einen Unfall reichen! Die Ablenkung dürfte dabei genauso groß sein, wie wenn am Handy eine Taste zum Annehmen eines Anrufs und zur Nutzung des Lautsprechers gedrückt wird. Sicherlich würden die aktuellen Gesetze besser eingehalten werden, wenn alle Verkehrsteilnehmer das Gefühl bekämen, dass die Sache ausgegoren ist und nicht ein wenig wie Willkür anmutet. Nichtsdestotrotz ist das Verbot der Handynutzung zu befürworten, es muss lediglich in seinen Grundzügen angepasst werden und sollte logischer erscheinen.


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Rebecca Liebig ist gerade im achten Monat schwanger. Voller Vorfreude auf ihr Baby genießen sie und ihr Mann die spannende Zeit. Von der ersten Übelkeit bis hin zu den Bewegungen ihres Mädchens halten sie alles fest. Schließlich möchte man sich später ja auch an diese Zeit erinnern. Bei der Planung des Kinderzimmers gehen die Vorstellungen zwar auseinander. In einem sind sich Rebecca und ihr Mann jedoch einig: Die aufregende Zeit wollen sie so richtig genießen. Rebecca plant, drei Jahre mit ihrer Tochter zu Hause zu bleiben. Auch ihr Mann möchte zwei Monate Elternzeit nehmen.

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