Schwer-Lkw: Gibt es auch Vorteile?

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Zugegeben, es fällt derzeit noch etwas schwer, die Vorteile des Einsatzes von Schwer-Lkw – den neuen Gigalinern – wirklich zu sehen. Die Nachteile liegen auf der Hand und sind nicht einmal von selbiger zu weisen: Hohe Belastungen von Umwelt und Straßen, Kosten durch Um- und Ausbauten sowie Reparaturen und die fehlende Erreichbarkeit einiger Innenstädte sind nur einige Nachteile, die beim Einsatz von Schwer-Lkw berücksichtigt werden müssen.

Giga-Liner: Warum überhaupt einsetzen?

Großspeditionen und Hersteller erhoffen sich von einem Einsatz der Schwer-Lkw, dass sie umfassendere Transporte realisieren können. Ein besonders wichtiger Punkt wird hier natürlich durch die Kosten dargestellt. Selbige würden niedriger ausfallen, wenn umfangreichere Transporte durchgeführt werden könnten. Sprich: Mehr Produkte auf einmal geliefert = niedrigere Kosten pro Produkt. Dass viele Kunden weniger direkt erreicht werden könnten, wird hier erst einmal nicht berücksichtigt. Schwer-Lkw könnten zudem den Transport von der Schiene oder vom Schiff auf die Straße holen – was umweltpolitisch gesehen ein No-Go ist, ist für Großspeditionen und Hersteller lukrativer, weil sie davon ausgehen, ihre Kunden direkter beliefern zu können. Doch die wenigen Vorteile werden durch eine große Anzahl an Nachteilen wieder wettgemacht. So dürften die Kosten für Reparaturen der Straßen in die Höhe schnellen, denn die Gigaliner mit ihren bis zu 60 Tonnen Gewicht sind mehr, als deutsche Straßen vertragen können. Diese sind – ebenso wie andere europäische Straßen – auf ein Maximalgewicht von 40 Tonnen ausgelegt bei einer maximalen Länge des Fahrzeugs von 8,75 Metern. Giga-Liner würden aber bis zu 25,25 Meter erreichen, womit das nächste Problem erkennbar ist. Die meisten Straßen sind einfach zu schmal für solche riesigen Fahrzeuge. Sie können nur extrem langsam oder sogar gar nicht befahren werden.

Schwer-Lkw und andere Verkehrsteilnehmer

Ein weiterer Punkt, der unbedingt Berücksichtigung finden muss, ist die Behinderung anderer Verkehrsteilnehmer. Wer schon einmal einen Gigaliner überholen musste, weiß, wie unübersichtlich diese Aktion werden kann. Das Fahrzeug ist einfach zu lang, um schnell und sicher überholt zu werden. Gerade auf kurvenreichen Landstraßen erhöht sich die Unfallgefahr dank dieser Fahrzeuge immens. Viele Autofahrer, die genervt hinter einem Gigaliner fahren, dürften sich zu waghalsigen Aktionen hinreißen lassen. Selbst wenn es dann hieße, dass diese an einem Unfall selbst die Schuld trügen, ändert dies weder etwas an den Auswirkungen eines Unfalls noch an der daraus entstehenden Statistik, die sich auf die Sicherheit deutscher Straßen bezieht. Sollte ein Schwer-Lkw einen Unfall verursachen, so würden die Folgen deutlich schlimmer sein als bei einem normalen Lastkraftwagen. Die Wucht eines Aufpralls wäre um ein Vielfaches schlimmer, was allein durch das Gewicht zu begründen ist. Außerdem ist der Bremsweg eines solchen Fahrzeugs um einiges länger als bei den herkömmlichen Lkw.

Was sagt die Politik dazu?

Das EU-Parlament hatte im April 2014 entschieden, dass Schwer-Lkw nicht auf den Straßen zugelassen werden sollten, wenn es um den grenzüberschreitenden Güterverkehr geht. Diese Entscheidung wurde durch den VCD natürlich begrüßt und sie fiel auf Empfehlung des Verkehrsausschusses. Die Folgen einer Zulassung solcher Lkw könnten derzeit nicht ausreichend abgeschätzt werden.

Deutschland hatte allerdings schon 2007 für sich entschieden, dass Schwer-Lkw besser nicht auf den Straßen unterwegs sein sollen, die Ergebnisse aus den Feldversuchen in einigen Bundesländern sprachen hier für sich. Die Verkehrsministerkonferenz der Länder entschied daher, dass die Feldversuche mit Schwer-Lkw einzustellen seien und dass auch keine neuen Versuche mehr in Erwägung gezogen werden sollten. Dann kam es allerdings zum Regierungswechsel in 2009 und mit diesem wurde alles anders. Die Bundesregierung war dann der Meinung, dass ein neuer Feldversuch durchaus sinnvoll sein könnte und dass dabei wissenschaftliche Ergebnisse gesammelt werden sollten. Die Verkehrsministerkonferenz war zwar immer noch dagegen, konnte aber nichts gegen die Entscheidung unternehmen. Am 1. Januar 2012 konnte dann der Feldversuch starten, der auch noch mit einer Ausnahmeverordnung einherging. Diese besagte, dass der Versuch auch durch die Länder führen durfte, die nicht daran teilnahmen. So fuhren also auch durch Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt die Giga-Liner für einige hundert Kilometer, obgleich diese beiden Länder dagegen gestimmt hatten.

Im Mai 2014 fiel dann durch das Bundesverfassungsgericht die Entscheidung, dass Giga-Liner auf deutschen Straßen fahren können sollten. Heute ist es so, dass auch das anfangs so negativ eingestellte Baden-Württemberg mittlerweile drei Teststrecken zur Verfügung gestellt hat. Hier können sich auf den drei Autobahnen die riesigen Lkw erproben.

Die Bundesregierung ging allerdings bei ihrer Genehmigung von falschen Zahlen aus: Eigentlich sollten rund 400 Fahrzeuge an der Testung teilnehmen. Nach Ende eines Jahres waren es 20 Speditionen, die sich an den Versuchen beteiligten, die aber gerade einmal 36 Fahrzeuge stellten. Auf die Straßen kamen dann sogar nur 28 Gigaliner. Im Januar 2015 waren es dann allerdings deutlich höhere Zahlen: 42 Unternehmen beteiligten sich und schickten 111 Schwer-Lkw auf die Straßen.

Noch immer sieht es so aus, als würden die Giga-Liner unheimliche Sympathien genießen, wenngleich auch immer noch von denselben Menschen. Weder andere Verkehrsteilnehmer noch die Menschen in den Ortschaften, durch die die Giga-Liner fahren würden, sind sonderlich begeistert von der der Idee, diese Ungetüme auf den Straßen zu sehen. Die schon lange angestrebte Minderung des Güterverkehrsaufkommens auf deutschen Straßen wäre durch den dauerhaften Einsatz der Schwer-Lkw zunichtegemacht, außerdem wären die Folgen für das Klima nicht von der Hand zu weisen. Die Emissionen von CO2 würden stark in die Höhe schnellen – eine Tatsache, die mit der Verlegung des Verkehrs von der Straße auf die Schiene oder auf das Schiff verhindert werden sollte.


Bildnachweis: © pixabay.com – Meridy

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About Author

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg. Er schreibt bereits viele Jahre für technische Fachmagazine, außerdem als freier Autor zu verschiedensten Markt- und Businessthemen. Als fränkische Frohnatur findet er bei seiner Arbeit stets die Balance zwischen Leichtigkeit und umfassendem Know-how durch seine ausgeprägte Affinität zur Technik.

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