Lloyd’s Register, DNV GL: Zertifizierungen gewinnen an Bedeutung

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Zertifizierungen sollen eine nachweisliche Qualität sicherstellen und bekommen als Wettbewerbsmerkmal zunehmend Bedeutung. Aber sind solche Zertifizierungen durch Lloyd’s Register und andere wirklich aussagefähig?

Lloyd’s Register: Höherer Stellenwert von Zertifizierungen

Zertifizierungen bzw. die dabei ausgestellten Urkunden sind weitaus mehr als nur ein schmückendes Element, das die Besucher im Wartebereich eines Unternehmens unterhalten kann. Durch die Zertifizierung zum Beispiel über Lloyd’s Register stellen Unternehmen einheitliche Prozesse sicher, die verbindlich eingehalten werden und die eine gewisse Sicherheit in Bezug auf Entscheidungen und Rechte bedingen. Durch Zertifizierungen werden Fehler vermieden, Abläufe verbessert und die Umsätze des Unternehmens erhöht.

Das gilt nicht nur für Produktionsbetriebe, sondern auch die Logistiker sehen sich zunehmend der Frage nach vorhandenen Zertifizierungen gegenüber. So auch die Maschinenfabrik AERZEN, die selbst auf zertifizierte Komponenten setzt und mit zertifizierten Logistikern kooperiert.

Logistiker sind dafür verantwortlich, dass die jeweiligen Güter sicher und in der vereinbarten Lieferzeit beim Kunden ankommen. Dafür ist es wichtig, dass sämtliche Verantwortungsbereiche genau geteilt sind und dass die betrieblichen Abläufe verlässlich aufgebaut sind. Nur dann ist eine gewisse Freiheit in den Entscheidungen sicher und es kann ein Risikomanagement aufgebaut werden, welches erfolgskritisch agiert.

Durch Zertifizierungen werden Prozesse und Strukturen definiert und dokumentiert, das Unternehmen wird in die Lage versetzt, die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen. Zertifizierungen müssen dafür allerdings auch gelebt und nicht nur erlangt werden.

Zertifizierungen wie von Lloyd’s Register haben in jüngster Zeit einen deutlich höheren Stellenwert erlangt. Auf der Suche nach Logistikpartnern, die sich durch Verlässlichkeit und geprüfte Strukturen auszeichnen, schauen die Kunden in Deutschland vermehrt auf die Zertifizierungen. Dennoch gibt es auch Probleme mit den Zertifizierungen, denn diese haben dank eines großen Ereignisses in 2019 (siehe unten) deutlich an Vertrauenswürdigkeit eingebüßt.

Video: SICcast: Zusammenarbeit mit Lloyd’s Register

Lloyd’s Register und Co.: Was sagt die Zertifizierung aus?

Die Schiffs-Klassifikationsgesellschaft „Lloyd’s Register“ ist eine unabhängige Organisation für das Risikomanagement und bietet Leistungen zur Bewertung und Minderung von Risiken für Unternehmen auf der ganzen Welt an. Die Zertifizierungen von Lloyd’s Register sind begehrt und werden durch die „Lloyd’s Register Quality Assurance Ltd.“ vorgenommen.

Einst wurden Zertifizierungen nur für die Marine vorgenommen, inzwischen sind sie aber auch für den Automobil- und Maschinenbau oder für die Bereiche Öl & Gas möglich. Dafür arbeiten mehr als 9000 Mitarbeiter in fast 80 Ländern daran. Der Hauptsitz von Lloyd’s Register befindet sich in London.

Lloyd’s Register unterstützt die Betreiber und Hersteller von Anlagen dabei, ihr Risiko so gering wie möglich zu halten. Es werden Prüfungen hinsichtlich Qualität und Präzision vorgenommen, damit die gesetzlichen Vorgaben auch tatsächlich eingehalten werden. Lloyd’s Register hilft aber auch exportierenden Herstellern dabei, neue Märkte zu erschließen und ist als zugelassene Überwachungsstelle registriert.

Durch Zertifizierungen werden Prozesse und Strukturen definiert und dokumentiert, das Unternehmen wird in die Lage versetzt, die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen. Zertifizierungen müssen dafür allerdings auch gelebt und nicht nur erlangt werden.  ( Foto: Shutterstock-  Travel mania)

Durch Zertifizierungen werden Prozesse und Strukturen definiert und dokumentiert, das Unternehmen wird in die Lage versetzt, die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen. Zertifizierungen müssen dafür allerdings auch gelebt und nicht nur erlangt werden. ( Foto: Shutterstock- Travel mania)

Doch nicht nur Lloyd’s Register aus London ist relevant, auch DNV GL spielt unter anderem für die Zertifizierungen der Aggregate bei AERZEN eine Rolle. Gebläse und Verdichter, die die Marine einsetzt, werden allesamt zertifiziert, wobei neben den beiden genannten Zertifizierungen auch weitere auf Anfrage vorgewiesen werden.

DNV GL ist eine international tätige Klassifizierungsgesellschaft mit Sitz in Norwegen. Vor allem die technische Beratung sowie das Risikomanagement spielen neben den Zertifizierungen (unter anderem für die marine Produktion) eine Rolle. Auf der Suche nach Standorten stellt sich heraus, dass DNV GL in über 100 Ländern ansässig ist und mehr als 400 Standorte führt.

Dabei ist GNV GL die größte Klassifikationsgesellschaft für die Marine und agiert zusätzlich als Beratungsgesellschaft für On- und Offshore-Windanlagen. Erneuerbare Energien und Elektrifikation stehen im Fokus, Öl & Gas sowie die maritime Branche werden bedient. Dazu kommen zahlreiche weitere Branchen, sodass eine Zertifizierung von GNV GL mittlerweile zum guten Ton gehört.

GNV GL zertifiziert nach IFS Logistics, was als Standard für die Logistikbranche zählt. Wichtig: Es werden mit IFS Food die Eigenmarken des Handels nach Qualitäts- und Lebensmittelsicherheit bewertet. Erst nach der Einführung dieser Zertifizierung in 2003 folgte IFS Logistics in 2006, welches sich speziell an die Logistiker wendet, die Non-Food-Produkte und Lebensmittel transportieren.

Bewertet werden damit alle Aktivitäten der Logistik, die mit den bereits verpackten Produkten zu tun haben. Ungekühlte Transporte werden ebenso zertifiziert wie Luft- oder Seetransporte.

Video: EDEKA Unternehmensfilm

Wie verlässlich sind Zertifizierungen?

Lloyd’s Register aus London ist nur ein Beispiel für Zertifizierungen, die immer wieder angezweifelt werden, denn es trifft sie alle. Spätestens, wenn Meldungen zu nicht zuverlässigen Lieferketten oder gar unsicheren Lebensmitteln auftauchen, stellen sich Kunden und Verbraucher die Frage, wie sicher denn solche Zertifikate sind. Immerhin ist doch etwas passiert!

Scheinbar nutzt auch das beste Training der Mitarbeiter nichts, die Erstellung einer einwandfreien Lieferkette oder die Zertifizierung einzelner Komponenten, die am Ende in Anlagen und Maschinen verbaut werden. Bestes Beispiel dafür ist der Wursthersteller Wilke aus Deutschland.

Das Unternehmen ist nach Todesfällen durch Listerien inzwischen geschlossen worden, doch die Frage bleibt zurück: Waren die vergebenen Zertifikate echt oder hat der Hersteller die Prüfer getäuscht? Noch im Juli 2019 wurde das IFS-Zertifikat an den Hersteller vergeben, der damit einen Nachweis über die Qualität der internen Abläufe sowie der Logistik in der Hand hatte. Diese Zertifizierung sehen Verbraucher nicht, sie ist nur den beteiligten Firmen bekannt.

GNV GL zertifiziert nach IFS Logistics, was als Standard für die Logistikbranche zählt. Wichtig: Es werden mit IFS Food die Eigenmarken des Handels nach Qualitäts- und Lebensmittelsicherheit bewertet. ( Foto: Shutterstock- Robert Kneschke)

GNV GL zertifiziert nach IFS Logistics, was als Standard für die Logistikbranche zählt. Wichtig: Es werden mit IFS Food die Eigenmarken des Handels nach Qualitäts- und Lebensmittelsicherheit bewertet. ( Foto: Shutterstock- Robert Kneschke)

Allerdings hat Wilke den geforderten Standard nur noch zu 90 Prozent erfüllt, ab 70 Prozent wird das Zertifikat nicht mehr vergeben. Die Todesfälle durch Listerien gab es dennoch. Was vielen nicht bekannt ist: Die Zertifizierung sieht keine Untersuchung auf Listerien vor, demnach hätten die Prüfer dieses Problem gar nicht erkennen können. Die Jagd auf den endgültig Schuldigen ist aber noch nicht abgeschlossen.

Auch weitere große Unternehmen wie zum Beispiel EDEKA setzen auf das Erlangen des IFS Standards. Hier wurde der Markt in Heilbronn als erster von verschiedenen weiteren Märkten zertifiziert, wobei die volle Punktzahl erreicht worden ist. Wichtig waren hier vor allem die Einhaltung der Hygienevorschriften, pünktliche Lieferungen, Sauberkeit und Temperaturführungen. Es gab eine volle Übereinstimmung mit allen 600 Kriterien, wofür insgesamt 20 Punkte vergeben wurden.

Video: KIENNAST Geschichte 2010

In den News vertreten war auch das Handelshaus Kienast, das im Februar 2019 die begehrte Zertifizierung erhielt und auf hohem Niveau ausgezeichnet wurde. Die hohe Qualität der Logistik sowie die Bestrebungen, die laufenden Prozesse beständig zu verbessern, wurden damit gewürdigt. Das gesamte Logistikkonzept spielt für das Handelshaus eine übergeordnete Rolle, da unterschiedliche Kundengruppen in ganz Österreich beliefert werden müssen.

Verstärkt lassen sich Logistiker, die in der Lebensmittelbranche tätig sind, zertifizieren und erlangen so einen Wettbewerbsvorteil gegenüber denjenigen Anbietern, die noch nicht zertifiziert sind. Gleichwohl zeigt das Beispiel Wilke aus Deutschland, das auch mit dem besten Training und der Suche nach perfekten Bedingungen die Zertifizierung nach IFS-Standard nicht ausreichend sein muss.

Dementsprechend stellt sich die Frage, ob die Zertifizierung durch Lloyd’s Register nicht ausreichend ist, um damit wettbewerbstechnisch auf dem neuesten Stand zu sein? Zumindest in Deutschland bekam das IFS-Zertifikat einen schalen Beigeschmack durch die Wurst-Pleite, zumal sich nun auch noch die Auditoren zur Rechenschaft ziehen lassen müssen.

Der Ruf nach einem verstärkten Training der Auditoren wird dadurch lauter und zumindest in dem Logistikbereich, der sich mit dem Transport von Lebensmitteln befasst, bekommen Zertifizierungen von Lloyd’s Register und ähnlichen einen höheren Stellenwert als die IFS-Zertifizierung. Es bleibt fraglich, ob sich das wieder ändern wird.

About Author

Marius Beilhammer

Marius Beilhammer Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg. Er schreibt bereits viele Jahre für technische Fachmagazine, außerdem als freier Autor zu verschiedensten Markt- und Businessthemen. Als fränkische Frohnatur findet er bei seiner Arbeit stets die Balance zwischen Leichtigkeit und umfassendem Know-how durch seine ausgeprägte Affinität zur Technik.

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