Die Tagung in Bad Sulza widmete sich der Frage, wie sich die berufliche Leistungsfähigkeit nach einer Erkrankung fachlich belastbar einschätzen lässt. Grundlage war die ICF, welche Körperfunktionen, Aktivitäten, Teilhabe und Umweltfaktoren in einem gemeinsamen Modell zusammenführt. Experten aus Orthopädie, Psychosomatik, Pneumologie und Rehabilitationsmedizin beschrieben konkrete Bewertungsansätze. Sie zeigten, dass individuelle Fähigkeiten und Belastungen für Therapie, Begutachtung und berufliche Wiedereingliederung gleichermaßen relevant sind. Dadurch können Rehabilitationsziele genauer definiert und Unterstützungsmaßnahmen begründet werden.
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35 Fachleute erörtern ICF basierte Sozialmedizin in Bad Sulza

v.l.n.r. Dr. Best (Bildmitte), Dr. Serfling, Prof. Dr. Hof (Foto: TOSKANAWORLD)
Im Conference Center der Toskana Therme erörterten über 35 Teilnehmer die Bedeutung der ICF für die sozialmedizinische Praxis. Die Gruppe umfasste Ärzte aus Praxen und Kliniken, Rehabilitationsfachleute sowie Vertreter von Kostenträgern. Einigkeit bestand darin, Leistungsfähigkeit nicht allein aus Krankheiten abzuleiten. Die ICF ermöglicht eine strukturierte Betrachtung von Körperfunktionen, Aktivitäten, Teilhabe und Umwelt. Dadurch entsteht ein Leistungsprofil, das die tatsächlichen Möglichkeiten des Patienten im Beruf und Alltag differenziert beschreibt und erklärt.
Mehrdimensionale Behinderungen erfordern strukturierte Diagnostik von Funktion und Teilhabe
Nach schweren Verletzungen können körperliche, psychische und soziale Folgen zusammenwirken. Eine einzelne Diagnose bildet diese vielschichtigen Auswirkungen oft nur unvollständig ab. Dr. Ziegenthaler stellte deshalb strukturierte Verfahren zur Fähigkeitsbewertung detailliert vor. Diese beziehen Körperstrukturen, Funktionen, Aktivitäten und Teilhabe gleichermaßen in Betracht. Der Patient wird damit nicht ausschließlich anhand seiner Erkrankung beurteilt. Entscheidend sind auch seine tatsächlichen Möglichkeiten im beruflichen Alltag. Auf dieser Grundlage lässt sich Rehabilitation bedarfsgerecht und nachvollziehbar planen.
Hof erläutert ICF-Nutzen für berufliche Teilhabe muskuloskelettal Erkrankter
Am Klinikzentrum Bad Sulza stellte Prof. Dr. Ewald Hof einen ICF-orientierten Zugang zu muskuloskelettalen Gesundheitsproblemen vor. Dieser Zugang verbindet medizinische Befunde mit einer Analyse der verfügbaren beruflichen Fähigkeiten. Besonders berücksichtigt wird das individuelle Fähigkeitsprofil, das sich aus bisherigem Erwerbsverlauf und gegenwärtiger Belastbarkeit ergibt. Wenn Arbeitsumgebung und Aufgaben angepasst werden, können Einschränkungen weniger schwer wiegen. Ergonomische Maßnahmen bilden deshalb einen wichtigen Baustein der MBOR und fördern die stabile Reintegration von Versicherten.
Interdisziplinäre VOR kombiniert Medizin Physiotherapie und Verhaltenstherapie bei Belastungen
Serfling beschrieb die verhaltensmedizinisch orientierte Rehabilitation als Behandlungsmodell für Patienten, deren körperliche Erkrankung durch anhaltende psychische Belastung verstärkt wird. Bei Schmerzen, Erschöpfung, Sorgen oder Frustration können sich körperliche und seelische Beschwerden gegenseitig verstärken. Die VOR greift diesen Zusammenhang interdisziplinär auf. Medizinische Diagnostik und physiotherapeutische Übungen werden mit psychologischer Unterstützung und verhaltenstherapeutischen Methoden kombiniert. Ziel ist es, die Handlungsfähigkeit im Alltag wiederherzustellen, vorhandene Ressourcen zu nutzen und wieder berufliche Rückkehr fördern.
Kardiopulmonale Parameter ermöglichen alltagsnahe Bewertung beruflicher Belastbarkeit bei Lungenerkrankungen
Im Vortrag wurde die Spiroergometrie als Verfahren beschrieben, das die alltagsnahe Belastbarkeit bei Lungenerkrankungen zuverlässig erfassbar macht. Die Untersuchung liefert kardiopulmonale Kennzahlen während definierter körperlicher Belastung. Durch ihre Einordnung in das ICF-System entstehen Aussagen zu Aktivitäten und Teilhabe, nicht nur zu medizinischen Diagnosen. MET-Werte erleichtern zusätzlich die Zuordnung zu beruflichen Anforderungen. Bei der Bewertung müssen Staubexposition, Reizstoffe, Temperaturwechsel und andere arbeitsplatzbezogene Belastungen systematisch einfließen. Dies verbessert sozialmedizinische Entscheidungen für Betroffene.
Multimodale Therapien sollen berufliche Teilhabe durch Diagnostik lückenlos vorbereiten
Nach Einschätzung von Dr. Best ist die Physikalische und Rehabilitative Medizin für eine konsequente ICF Anwendung geeignet. Als Querschnittsfach berücksichtigt sie medizinische Befunde, therapeutische Verfahren, Alltagsaktivitäten und arbeitsbezogene Anforderungen zugleich. Best sprach sich dafür aus, multimodale Therapieangebote stets mit wiederholten Bewertungen der Fähigkeiten zu verknüpfen. Dadurch können Rehabilitationsziele angepasst und Übergänge zur Arbeit besser vorbereitet werden. Für sozialmedizinische Gutachten sind ICD Codes ohne ergänzende Funktionsbewertung weder wissenschaftlich noch versicherungsrechtlich hinreichend.
Stammtisch diskutiert ICF-gestützte Lösungen für berufliche Teilhabe frühzeitig gemeinsam
Bei der Zusammenkunft wurden komplexe sozialmedizinische Entscheidungen anhand realer Fälle diskutiert. Die Leitung übernahm Dr. Dörte Meierhof vom SRH Wald-Klinikum Gera. Im Fokus stand eine transparente Bewertung der individuellen Leistungsfähigkeit Betroffener. ICF-Kategorien erfassen dabei Körperfunktionen, Aktivitäten, Teilhabe und relevante Kontextfaktoren strukturiert. Diese Grundlage erleichtert die frühzeitige Auswahl passender beruflicher Unterstützungsleistungen erheblich. Unterschiedliche Vorgaben der Träger erschweren dennoch einheitliche sozialmedizinische Bewertungen häufig. Fortbildungen sollen Ärzte für Zuständigkeiten, Kriterien und Dokumentationsstandards besser qualifizieren. Die Landesärztekammer Thüringen honorierte die Teilnahme mit fünf Fortbildungspunkten offiziell.
Die Veranstaltung zeigt, dass die ICF für sozialmedizinische und rehabilitative Entscheidungen einen umfassenden Bezugsrahmen bietet. Nicht ausschließlich gesundheitliche Einschränkungen, sondern auch vorhandene Fähigkeiten und Kontextfaktoren werden berücksichtigt. Diese Sichtweise unterstützt eine präzisere Planung von Therapie, Training und beruflicher Wiedereingliederung. Patienten können dadurch gezielter gefördert werden, wenn ihre Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist. Die angekündigte Folgetagung am 3. März 2027 behandelt den weiteren Austausch zu MBOR und VOR.

