Güterverkehr: Straße vs. Schiene

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Rund 4,7 Millionen Tonnen Waren wurden 2016 durch Deutschland transportiert. Und: Der Güterverkehr nimmt – zu Straße, Schiene und See – jährlich zu. Aber was lohnt sich eigentlich logistisch, ökonomisch und ökologisch am meisten? Die Fakten mal abgewogen.

Güterverkehr in Deutschland: Schneller, weiter, immer mehr

Etwa 50 Tonnen Waren pro Bürger werden inzwischen durch Deutschland gefahren, gezogen und geschifft. Betrachtet man die Jahre 1991 bis 2013, dann hat der Güterverkehr insgesamt um 60 Prozent zugenommen.

In den Achtzigern entsprach der LKW-Transport noch der Gütermenge von Zug und Schiff zusammen. Inzwischen werden insgesamt etwa 21 Prozent mit der Bahn versandt und neun Prozent mit dem Schiff. Die restlichen 70 Prozent übernimmt der Güterverkehr auf der Straße (oder vielmehr der Autobahn). Der Anstieg des Güterverkehrs auf LKWs war unter anderem beeinflusst von den Krisenjahren 2008 und 2009. Denn zu Straße ist’s billiger als zu Schiene. LKW-Transport-Unternehmen profitieren aber auch in gewisser Weise von Bahnstreiks und scheinen also ein zuverlässigerer Geschäftspartner zu sein.

In Europa: Güterverkehr der Nachbarn

Im Güterverkehr setzen viele Nationen wie Estland, Lettland oder Litauen auf die Schiene. (#1)

Im Güterverkehr setzen viele Nationen wie Estland, Lettland oder Litauen auf die Schiene. (#1)

Wenn man einen Blick hinüber zu den europäischen Nachbarn wirft, fällt auf: Jeder gewichtet anders. Estland, Lettland, Litauen setzen den Güterverkehr bevorzugt auf die Schiene. Ebenso die Schweiz.

Wer jedoch mehr Güterverkehr dem LKW überlässt, ist zum Beispiel Spanien. Da beträgt der Zuganteil lediglich fünf Prozent. Italien und Großbritannien verladen etwa zwölf Prozent in Zugwaggons und Frankreichs Güterverkehr ist zu 85 Prozent durch LKWs geregelt.

Allgemein nimmt der Güterverkehr europaweit zu. Doch entgegen des Trends zur Straße plant die EU, den Güterverkehr bevorzugt auf die umweltschonende Schiene zu setzen. In Europa werden derzeit nur 22 Prozent der Güter über Züge versandt.

Güterverkehr – Was für die Bahn spricht

Im Güterverkehr liegen viele Vorteile bei der Schiene: Pünktlichkeit, Ladekapazität, Transport auf an Sonntagen und Feiertagen. (#2)

Im Güterverkehr liegen viele Vorteile bei der Schiene: Pünktlichkeit, Ladekapazität, Transport auf an Sonntagen und Feiertagen. (#2)

Bahnen fahren – fern von Staus und Rush Hours. Züge haben seltener Pannen und Fahrten werden generell seltener unterbrochen. Ihre Fahrer unterliegen anderen Arbeitszeiten und Pausenregelungen als LKW-Fahrer. Fahrverbote an Sonn- und Feiertagen gelten für Züge auch nicht. Theoretisch würden Züge also hinsichtlich Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit im Güterverkehr also vorn liegen.

Video Güterverkehr auf der Schiene

Waren sind außerdem sicherer in Güterzügen. Denn: 2016 zählte man 2,5 Millionen Verkehrsunfälle, darunter etwa 1 300, in denen Güterlastwagen verwickelt waren. Jedoch ist nur auf Straßen-Transporten auch „Tracking“ möglich. Produkte können haargenau verfolgt werden und werden ständig vom Fahrer begleitet, was nicht für den Zug-Güterverkehr gilt.

Vorteil ist aber auch die Kapazität: Güterzüge können mehr transportieren, als Lastwagen. In Deutschland darf ein Güterzug bis zu 700 Meter lang sein und 2 000 Tonnen auf die Schiene bringen.

Zwar hat man zu Straße die Möglichkeit der neuen Gigaliner, doch die schaden nur besonders der Umwelt. Nein, sie sind auch logistisch nicht immer rentabel, da nur bestimmte Ziele angefahren werden können: Es müssen Städte, Orte, Straßen sein, auf denen die Monster-LKWs wenden und um die Kurven kommen. Dörfer und sehr enge, kurvige Landstraßen fallen da schon mal weg.

Güterverkehr: Lieferung vor die Ladentür

Güterverkehr: Vorteile der Strasse sind unter anderem niedrigere Kosten, die Lieferung bis zur Tür und die höhere Mobilität. (#3)

Güterverkehr: Vorteile der Strasse sind unter anderem niedrigere Kosten, die Lieferung bis zur Tür und die höhere Mobilität. (#3)

Dennoch würde sich ein Gigaliner eher lohnen als ein Güterzug. Güterzüge sind bei weitem nicht so attraktiv und relativ schlecht weiterzuverkaufen. Ihr Wert sinkt schneller als der der Lastwagen. Der LKW-Transport ist auch insgesamt billiger. Straßen sind leichter instand zu halten als die Gleise. Zug- und Bahnhofpersonal und hohe Trassengebühren fallen weg. Lastwagen haben auch Grenz-Schalter leichter und schneller überwunden als die Eisenbahn. Denn Züge sind in Europa bisweilen noch eine nationale Sache. Lokomotiven müssen den jeweiligen Standards im Land entsprechen und das drückt sowohl auf Uhr und auf die Tasche bei Grenz-Checks.

Verzögerungen auf der Schiene wegen Staus sind zwar unwahrscheinlicher, aber nicht ausgeschlossen. Grund dafür ist das überlastete deutsche Mischnetz: Personen-, Nah-, Fern- und Güterzüge teilen sich die Schienen. Das hat auch Warten und rote Ampeln zur Folge. Zudem müssen Lokführerwechsel in dem Güterverkehr auf Zügen einkalkuliert werden, sowie Checks von Strom- und Schienensicherungssystemen. Die fallen für den LKW weg. Es gibt einen Fahrer und alles, was die Lieferung verzögern könnte ist und bleibt lediglich die Verkehrslage auf den Straßen. Was auch für den Lastwagen nicht ins Gewicht fällt sind Fahrpläne. Die können bei der Bahn oft sehr chaotisch und unzuverlässig sein. LKWs sind unabhängiger und flexibler, punkten besonders mit Mobilität. Sie können die Ware direkt vor die Ladentür liefern, was auch „store-to-store-delivery“ genannt wird. Gerade diese direkte Lieferungsmöglichkeit ist von großer Bedeutung, weil die Produktionsketten in der deutschen Wirtschaft im Zeitalter der Globalisierung immer komplexer werden – und stärker von einander abhängen.

Güterverkehr global – Ein dritter Mitspieler

Güterverkehr: Schiffe profitieren von den ungeheuren Ladekapazitäten. Schüttgüter und Güter in großen Stückzahlen sind auf dem Schiff zuhause. (#4)

Güterverkehr: Schiffe profitieren von den ungeheuren Ladekapazitäten. Schüttgüter und Güter in großen Stückzahlen sind auf dem Schiff zuhause. (#4)

Man nehme die Auto-Industrie: Räder aus Malaysia, Leder aus Brasilien und die Schrauben aus China legen oft tausende Kilometer zurück bis sie schließlich an ein und demselben Ort zu einem Wagen zusammengefügt werden. Umso wichtiger ist dafür ein zuverlässiger, unkomplizierter und direkter Güterverkehr. Der ist am ehesten (und auch am billigsten) durch den LKW garantiert.

Wer aber noch als dritter großer Mitspieler hinzukommt, ist das Schiff. Mit riesigen Laderaum punktet die Binnenschifffahrt im Güterverkehr vor allem mit Kapazität und Masse. Bis zu 1 590 Tonnen Containerwaren kann ein Schiff laden. Das entspräche 380 Bahnwaggons und 650 Lastkraftwagen. Auch Gefahrengüter sind zu See am besten verladen, zum Beispiel dank Lufttrocknungsanlagen und erhöhter Feuersicherungsstandards.

Aber auch das Schiff ist abhängig von Verkehr, Wetter und Wasser. Hochwasser und kalte Temperaturen können dann den Güterverkehr beeinflussen. Außerdem ist das Transportnetz zu See bei weitem nicht so dicht und verbunden wie das Straßennetz. Und aufgrund der hohen Lade-Kapazität würde sich der Güterverkehr in der Binnenschifffahrt auch erst bei sehr großen Lieferungen und hohen Stückzahlen wirklich lohnen.

Güterverkehr in Deutschland: Ist dies die rentabelste Lösung? Straße versus Schiene versus See. Was ist also wirtschaftlich gesehen die beste Lösung? Die Straße ist zu unzuverlässig, die Schiene relativ teuer und die See zu groß. Die Lösung könnte sein: Kombinieren, wo sich kombinieren lohnt.

So könnte man der Umwelt zuliebe den Güterverkehr bevorzugt auf die Schiene setzen und dort von Lastwagen übernehmen lassen, wo Gleise enden. Und bei Massenbestellungen würde sich das Schiff lohnen. Vorteil ist, dass Waren sicherer und theoretisch auch schneller ausgetauscht werden können. Nachteil ist jedoch, dass man sich in neue Abhängigkeiten begibt und der Gesamtprozess des Güterverkehrs komplexer wird. Arbeitsteilung im Warenverkehr sozusagen. – Und Arbeitsteilung hat die Wirtschaft doch bisher auf ihren heutigen Stand wachsen lassen…


Bildnachweis: © shutterstock – Titelbild Egorov Artem, #1 kuzmafoto, #2 Jiang Zhongyan, #3 s_oleg, #4 Travel mania

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About Author

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg. Er schreibt bereits viele Jahre für technische Fachmagazine, außerdem als freier Autor zu verschiedensten Markt- und Businessthemen. Als fränkische Frohnatur findet er bei seiner Arbeit stets die Balance zwischen Leichtigkeit und umfassendem Know-how durch seine ausgeprägte Affinität zur Technik.

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